Wörterbuchnetz
Meyers Großes Konversationslexikon Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Vendéerkrieg bis Venēdig (Bd. 6, Sp. 12 bis 14)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Vendéerkrieg (spr. wangd-). Die Bevölkerung des ganzen Küstenstrichs der Vendée im weitern Sinne, der den größern Teil des alten Poitou und einen Teil von Anjou und der Bretagne, im ganzen ungefähr 20,000 qkm, begriff und sich durch Bodenbeschaffenheit und Lebensart der Bewohner wesentlich vom übrigen Frankreich unterschied, brachte der großen Bewegung der Revolution von 1789 von Anfang an nur geringe Sympathien entgegen. Adel und Geistlichkeit waren mächtig und einflußreich und durch den Verlust ihrer Vorrechte und die Gesetze über die Kirche tief verletzt, welche letztern auch die Bauern besonders aufreizten. Schon 1791 kam es zu vereinzelten Empörungen. Der Sturz des Königtums und die Hinrichtung Ludwigs XVI. steigerten die Erbitterung, und als 10. März 1793 eine große Rekrutenaushebung stattfinden sollte, wurde an verschiedenen Orten die Fahne der Insurrektion erhoben. Die mangelnde Kriegsübung ersetzten die Insurgentenführer durch ihre genaue Kenntnis des Landes. Als der Adel sich dem Aufstand anschloß, erlangten die Bauern in ihm, besonders in dem heldenmütigen Henri de Larochejacquelein, tüchtige Führer. Larochejacquelein erfocht 25. Mai 1793 einen glänzenden Sieg bei Fontenay-le-Comte und eroberte 10. Juni Saumur. Nach des Oberbefehlshabers, des ehemaligen Fuhrmanns Cathelineau, Tod (11. Juli) trat der Baron d'Elbée an dessen Stelle. Unterdessen beschloß der Konvent, zwei große Armeen bei La Rochelle unter Rossignol und bei Brest unter Canclaux zusammenzuziehen und so die Küste zu umschlingen. Gleichzeitig erließ er gegen die Vendée Vertilgungsdekrete. Gleichwohl behaupteten die Insurgenten das Übergewicht und siegten bei Chantonnay und Torson (5. und 19. Sept.), unterlagen aber bei Cholet (17. Okt.), wo d'Elbée fiel. Um dem durch die Maßregeln des Konvents bewirkten Mangel an Lebensmitteln abzuhelfen und in der Bretagne den Aufstand zu entzünden, setzte das Hauptheer der Vendéer, 30,000 Mann stark, auf das nördliche Ufer der Loire über und verband sich mit den Meyers Chouans (s. d.), sah sich aber in seinen Erwartungen völlig getäuscht, da die Bevölkerung sich ihm nicht in größerer Zahl anschloß. Auf dem Rückzug siegten die Vendéer zwar bei Dol (21. Nov.), verloren aber in den Gefechten bei Le Mans (12. Dez.) 15,000 Mann; ein andrer Heerhaufe ward bei Savenay 23. Dez. 1793 vernichtet, nur ein kleiner Teil unter Larochejacquelein und dem Förster Stofflet entkam nach der Heimat. Die Konventstruppen drangen nun in die Vendée selbst ein, wo sich Charette noch behauptete, und suchten durch einen grausamen Vernichtungskrieg das Land zu veröden; außerdem kam den »höllischen Kolonnen« des Obergenerals Turreau, zumal seit Larochejacqueleins Tod (4. März 1794) die Uneinigkeit unter den Royalisten selbst zu Hilfe. Im Mai ward Turreau abgerufen, seine Nachfolger, namentlich Hoche, schlugen ein milderes System ein, und 2. Dez. 1794 bot eine Proklamation den Vendéern Frieden und Verzeihung an. Am 15. Febr. 1795 schloß hierauf Charette zu La Jaunaye einen Vertrag ab, dem am 20. Mai Stofflet und mehrere andre Führer beitraten, und nach dem die Vendéer die Republik anerkennen und dafür Amnestie, Entschädigung, Befreiung vom Kriegsdienst und kirchliche Freiheit erhalten

[Bd. 6, Sp. 13]


sollten. Als im Juni 1795 eine britische Flotte das französische Emigrantenheer bei Quiberon aus Land setzte, erklärte Charette in einem Manifest der Republik aufs neue den Krieg. Die Uneinigkeit der Insurgentenführer, der Untergang der Emigrantenexpedition auf Quiberon und die Maßregeln Hoches ließen jedoch die Schilderhebung nicht aufkommen. Charette und Stofflet wurden im Frühjahr 1796 gefangen genommen und erschossen. Eine völlige Unterwerfung der Vendée kam aber erst im Januar und Februar 1800 zustande, nachdem mehr als 150,000 Menschen umgekommen waren. Während der Hundert Tage 1815 griffen die Vendéer abermals zu den Waffen, wurden aber vom General Lamarque geschlagen. Nach der Julirevolution erhob sich ein Teil des Adels der Vendée zugunsten der alten Dynastie, und im April 1832 begab sich die Herzogin von Berri in das Land. Die Wachsamkeit der Regierung und die Gefangennahme der Herzogin dämpften den Aufruhr jedoch bald. Vgl. Crétineau-Joly, Histoire de la Vendée militaire (6. Aufl., Par. 189596, 5 Bde.); Bonnemère. Les guerres de la Vendée (das. 1884); Chassin, La V. et la chouannerie (das. 189299,3 Abt. in 10 Bdn.); Port, La Vendée angevine (das. 1888, 2 Bde.); v. Boguslawski, Der Krieg der Vendée gegen die französische Republik (Berl. 1894); Ménard, Les Vendéens dans le département de la Manche (Avranches 1902); D. Lacroix, Guerre des Vendéens 17921800 (Par. 1905); Deniau, Histoire de la guerre de la Vendée (Angers 190607, 2 Bde.).
 
Artikelverweis 
Vendémiaire (franz., spr. wangdemjǟr', »Weinlesemonat«), der erste Monat im franz. Revolutionskalender; vgl. Kalender. Am 15. V. des Jahres IV (5. Okt. 1795) Aufstand der Pariser Sektionen gegen den Konvent.
 
Artikelverweis 
Vendetta (ital.), Rache; V. gentilizia, oft bloß V., Blutrache.
 
Artikelverweis 
Vendidâd, Teil des Meyers Zendavesta (s. d.).
 
Artikelverweis 
Vendōme (spr. wangdōm'), Arrondissementshauptstadt im franz. Depart. Loir-et-Cher, am Loir, Knotenpunkt der Orléansbahn und der Staatsbahnlinie Blois-Pont-de-Braye, hat Ruinen des alten Herzogsschlosses, eine ehemalige Abteikirche la Trinité mit 80 m hohem Turm aus dem 12.14. Jahrh., mehrere Kirchenruinen, ein altes Stadttor (jetzt Stadthaus), Reste von Festungsmauern, Denkmäler von Ronsart und Rochambeau, einen Gerichtshof, ein Lyzeum, eine Bibliothek (20,000 Bände), ein Museum, eine Ackerbaukammer, Fabrikation von Käse, Handschuhen, hydraulischen Pressen, Papier, Billards etc. und (1906) 8482 (Gemeinde 9804) Einw. Die Umgebung bildete ehemals das Herzogtum Vendômois (s. unten). Bei V. fanden 15. Dez. 1870 und 6. Jan. 1871 Gefechte zwischen Deutschen und Franzosen statt.
 
Artikelverweis 
Vendôme (spr. wangdōm'), alte franz. Grafschaft, die von der gleichnamigen Stadt (s. oben) ihren Namen hatte und 1515, von Franz I. zugunsten Karls von Bourbon (gest. 1538) zum Pairieherzogtum erhoben wurde. Vgl. Pétigny, Histoire archéologique du Vendômois (2. Aufl., Vendôme 1882); Rochambeau, Le Vendômois. Épigraphie et iconographie (das. 188994, 2 Bde.); Martellière, Glossaire du Vendômois (Orleans 1893). Nachdem Karls Enkel Heinrich IV. den Thron Frankreichs bestiegen, gab er das Herzogtum 1595 dem ältesten der ihm von Gabrielle d'Estrées gebornen Söhne, César, Herzog von V., Stifter des Hauses V. Dieser, geb. im Juni 1594 auf Schloß Coucy, gest. 22. Okt. 1665, beteiligte sich fortgesetzt an Verschwörungen und Unruhen, so daß er nach Holland verwiesen wurde, von wo er erst nach Richelieus Tode nach Frankreich zurückkehrte. Nach Ludwigs XIII. Tode gelangte er bei der Regentin Anna von Österreich zu bedeutendem Ansehen und erhielt das Gouvernement Burgund und den Titel eines Generalintendanten der Schiffahrt und des Handels. Er nahm 1653 den Frondeurs Bordeaux und schlug als Großadmiral von Frankreich 1655 die spanische Flotte vor Barcelona. Sein älterer Sohn, Louis, Herzog von V., geb. 1612, gest. 6. Aug. 1669, hieß bei Lebzeiten seines Vaters Herzog von Mercoeur, diente in den Kriegen Ludwigs XIII. und ward 1649 zum Vizekönig des eroberten Katalonien ernannt. 1651 vermählte er sich mit Laura Mancini, einer Nichte Mazarins, nach deren Tode (1657) er in den geistlichen Stand trat. Er erhielt 1667 den Kardinalshut. Sein ältester Sohn und Nachfolger in der Herzogswürde war Louis Joseph, geb. 1. Juli 1654, gest. 11. Juni 1712; er machte die Feldzüge unter Turenne mit. 1688 zum Generalleutnant befördert, focht er in allen Feldzügen und ward 1695 Oberbefehlshaber der französischen Armee in Katalonien, wo er 10. Aug. 1697 Barcelona eroberte. Beim Ausbruch des Spanischen Erbfolgekriegs übernahm er 1702 an Villerois Stelle das Kommando in Italien, lieferte dem Prinzen Eugen bei Luzzara 15. Aug. ein unentschiedenes Treffen, drang im August 1703 in Tirol ein, ward jedoch zum Rückzug in die Lombardei genötigt. Nun bekriegte er 1704 die vereinigten Savoyer und Österreicher in Piemont. Am 16. Ang. 1705 lieferte er dem Prinzen Eugen die unentschiedene Schlacht bei Cassano und schlug 19. April 1706 die Kaiserlichen bei Calcinato. Nach den Niederlanden gerufen, eroberte er zwar 1708 Gent, Brügge und Plassendal, ward aber bei Oudenaarde 11. Juli geschlagen und verlor hierauf sein Kommando. 1710 führte er den bedrängten König Philipp V. 3. Dez. nach Madrid zurück und schlug bei Brihuega (9. Dez.) und bei Villaviciosa (10. Dez.) die Alliierten entscheidend, starb aber zu Vinaroz in Valencia und ward im Pantheon des Escorial beigesetzt. Sein jüngerer Bruder, Philippe de V., Großprior des Malteserordens in Frankreich, geb. 23. Aug. 1655, gest. 24. Jan. 1727, focht mit Auszeichnung in den Kriegen Ludwigs XIV. in den Niederlanden und am Rhein sowie seit 1693 als Generalleutnant in Italien und Spanien. Im Spanischen Erbfolgekrieg diente er meist in Italien. Wegen seiner bei Cassano (16. Aug. 1705) bewiesenen Fahrlässigkeit abgesetzt, lebte er fortan in Rom und seit 1711 im Temple zu Paris. Er war der letzte seines Geschlechts. Jetzt führt ein Sohn des »Grafen von Paris« den Titel Herzog von V.; ihm gebar seine Gattin Henriette von Belgien 4. April 1905 den Karl Philipp von Orléans, ältesten Urenkel König Ludwig Philipps.
 
Artikelverweis 
Vendômesäule, s. Meyers Paris, S. 440.
 
Artikelverweis 
Vendredi (franz., spr wangdr'di, v. lat. Veneris dies, »Venustag«), Freitag.
 
Artikelverweis 
Vene, Blutader, s. Meyers Vena.
 
Artikelverweis 
Venedey, Jakob, deutscher Schriftsteller, geb. 24. Mai 1805 in Köln, gest. 8. Febr. 1871 in Oberweiler, studierte die Rechte, mußte wegen seiner Schrift »Über Geschwornengerichte« (Köln 1832) Preußen verlassen, ward als Beteiligter an dem Hambacher Fest im Herbst d. J. zu Mannheim verhaftet, entkam aus dem Gefängnis zu Frankenthal und lebte bis 1843 in Frankreich, sodann in England, kehrte im Februar 1848 nach Deutschland zurück, nahm am Vorparlament teil, gehörte im Fünfzigerausschuß

[Bd. 6, Sp. 14]


wie in der Nationalversammlung zu den Führern der Linken und zur großdeutschen Partei. Dann lebte er in Bonn, seit Herbst 1853 in Zürich, seit 1855 in Heidelberg und zuletzt in Oberweiler bei Badenweiler. Er schrieb: »Die Deutschen und Franzosen nach dem Geiste ihrer Sprachen und Sprichwörter« (Heidelb. 1842); »Irland« (Leipz. 1841, 2 Bde.); »England« (das. 1845, 3 Bde.); »Das südliche Frankreich« (Frankf. 1846, 2 Bde.); »Macchiavell, Montesquieu und Rousseau« (Berl. 1850, 2 Bde.); »John Hampden und die Lehre vom gesetzlichen Widerstand« (Bellevue 1843; 3. Aufl., Duisb. 1865); »Heinr. Friedr. Karl v. Stein« (Iserl. 1868); »Die deutschen Republikaner unter der französischen Republik« (Leipz. 1870) u. a.
 
Artikelverweis 
Venēdig (ital. Venezia), ital. Provinz im östlichen Teile Oberitaliens, grenzt an die Provinzen Rovigo, Padua, Treviso, Udine und das Adriatische Meer, hat 2420 qkm (43,95 QM.) mit (1901) 401,241 Einw. (166 auf 1 qkm; 1906 auf 414,061 berechnet), zerfällt in die Distrikte: Chioggia, Dolo, Mestre, Mirano, Portogruaro, San Dona di Piave und V. S. Karte »Italien, nördliche Hälfte«.